RAMONA WEGELE | BLOG
Heilpraktikerin für Psychotherapie
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Heilpraktikerin für Psychotherapie
Wenn unser Nervensystem uns in der Vergangenheit festhält
Lesezeit: ca. 4 Minuten
Manchmal fragen wir uns: Warum kann ich einfach nicht abschalten? Warum sage ich schon wieder Ja, obwohl ich Nein meine? Warum reagiere ich bei einem kleinen Kommentar so heftig?
Oft steckt dahinter kein Fehler in uns und keine mangelnde Disziplin. Es sind Überlebensmechanismen. Unser Nervensystem hat sie einmal entwickelt, um uns zu schützen, und sie waren damals klug und sinnvoll. Nur laufen sie manchmal weiter, auch wenn die Gefahr längst vorbei ist.
Man unterscheidet vier klassische Stressreaktionen. Die meisten von uns kennen mehrere davon, meist mit einer Lieblingsstrategie.
Wer im Kampfmodus unterwegs ist, versucht, Angriffsfläche zu vermeiden. Im Alltag zeigt sich das zum Beispiel als:
Perfektionismus: Alles muss fehlerfrei sein, damit uns niemand etwas vorwerfen kann.
Kontrolle: Aufgaben abgeben und anderen vertrauen fällt schwer.
Reizbarkeit: Schon konstruktive Kritik löst Verteidigung oder Aufbrausen aus.
Innere Abwertung: ein ständiges Urteilen, über uns selbst oder über andere.
Hier versucht das System, der Gefahr davonzulaufen, oft, ohne dass wir es merken:
Getriebenheit: Wir sind ständig in Aktion und kommen kaum zur Ruhe, bis hin zum Workaholismus.
Überplanung: So viele Termine, dass kein Raum zum Nachspüren bleibt.
Gedankenkreisen: Das Grübeln über die Zukunft hört nicht auf.
Vermeidung: Unangenehme Gespräche oder Aufgaben schieben wir bis zum letzten Moment auf.
Manchmal ist weder Kämpfen noch Weglaufen möglich. Dann fährt das System herunter:
Entscheidungsunfähigkeit: Vor lauter Optionen fühlen wir uns wie gelähmt.
Rückzug und Isolation: Kontakte werden anstrengend, wir ziehen uns zurück.
Taubheit: Die Distanz zu uns selbst wächst, und wir gehen wie in Watte gepackt durch den Tag.
Betäubung: Stundenlanges, zielloses Surfen oder Fernsehen, ohne dass wir uns dabei wirklich entspannen.
Diese Reaktion wird am häufigsten übersehen, weil sie von außen so angenehm wirkt:
People Pleasing: Wir stellen die eigenen Bedürfnisse zurück, um Harmonie zu wahren.
Grenzenlosigkeit: Nein zu sagen fällt schwer, auch wenn die Kraft längst aufgebraucht ist.
Über-Empathie: Wir scannen ständig die Stimmung der anderen, um uns sofort anzupassen.
Identitätsverlust: Wir wissen kaum noch, was wir selbst wollen oder fühlen, weil unser Fokus so sehr im Außen liegt.
Überlebensmechanismen entstehen meist in Situationen, in denen wir als Kind mit überfordert waren und keine sichere Begleitung dabei hatten. Das kann ein einzelnes belastendes Erlebnis sein, häufiger sind es aber wiederkehrende Erfahrungen im Alltag: ein Elternteil, das unberechenbar reagierte, sodass wir früh lernten, wachsam zu sein. Ein Zuhause, in dem Fehler hart bestraft wurden, sodass Perfektionismus zum Schutz wurde. Zu wenig Raum für eigene Gefühle, sodass wir lernten, uns anzupassen, um geliebt zu werden. Oder Überforderung, der wir nicht entkommen konnten, sodass Erstarren die einzige Möglichkeit blieb.
Unser Nervensystem speichert dabei nicht in erster Linie das Ereignis selbst, sondern die Strategie, die uns damals geholfen hat, es zu überstehen. Und diese Strategie bleibt oft bestehen, auch wenn das Umfeld sich längst geändert hat und wir heute eigentlich sicher wären.
Wichtig ist mir dabei: Auch Eltern, die solche Prägungen weitergeben, tun das meist nicht aus böser Absicht. Häufig tragen sie selbst noch ungeheilte eigene Wunden in sich.
Wichtig ist mir: Keine dieser Reaktionen ist „falsch". Jede war einmal die beste verfügbare Lösung. Es geht also nicht darum, sie loszuwerden oder zu bekämpfen. Der Widerstand gegen uns selbst hält das System nur in Alarmbereitschaft.
Hilfreicher ist eine freundliche Neugier:
Wahrnehmen: In welcher Situation schaltet mein System um? Woran merke ich es im Körper, etwa an Enge in der Brust, einem festen Kiefer oder flachem Atem?
Anerkennen: „Ah, da ist gerade mein Schutzprogramm aktiv." Schon dieser Satz schafft ein kleines Stück Abstand.
Dem Körper Sicherheit signalisieren: Der Körper reagiert oft schneller auf Signale als auf Gedanken. Deshalb helfen kleine körperliche Gesten häufig mehr, als wir denken:
Selbstberührung: Die eigenen Arme sanft streicheln, eine Hand aufs Herz oder auf den Bauch legen. Über afferente Nerven meldet das dem Gehirn: Ich bin gerade sicher.
Sanftes Wiegen: Ein leichtes Hin- und Herwiegen, etwa im Sitzen von Seite zu Seite, beruhigt nachweislich die Amygdala.
Summen oder Tönen: Ein leises Summen aktiviert über die Stimmbänder den Vagusnerv und damit unser Beruhigungssystem.
Der Atem: Ein langsamer, verlängerter Ausatem, zum Beispiel doppelt so lang wie der Einatem, signalisiert dem Nervensystem: Die Gefahr ist vorbei.
Erdung über die Füße: Die Füße bewusst auf dem Boden spüren, kurz wippen oder den Boden unter sich wahrnehmen.
Bewegung oder Schütteln: Sich kurz bewegen oder ausschütteln, so wie es Tiere nach einem Schreck instinktiv tun, hilft, angestaute Aktivierung abzubauen.
Wärme: Ein warmer Tee, eine Decke oder eine Wärmflasche wirken oft unmittelbar entspannend.
Diese kleinen Gesten wirken oft schon nach wenigen Minuten und lassen sich gut an den eigenen Zustand anpassen: Bei Fight und Flight hilft häufig eher Bewegung oder ein langer Ausatem, um Anspannung abzubauen. Bei Freeze und Fawn ist oft sanfte Selbstberührung oder Wärme hilfreicher, um sich überhaupt wieder zu spüren.
Begleitung suchen: Tiefer verankerte Muster verändern sich am besten in einem sicheren Rahmen, in dem wir in unserem Tempo hinspüren dürfen.
Ein Überlebensmechanismus zeigt uns immer auch, was wir einmal gebraucht hätten: Sicherheit, Ruhe, Halt oder Zugehörigkeit. Wenn wir ihm mit Verständnis begegnen, kann sich das System nach und nach entspannen.
Überlebensmechanismen sind oft in Beziehungen entstanden, und deshalb heilen sie häufig auch in Beziehung. Ein sicheres Gegenüber kann dem Nervensystem etwas anbieten, das es früher vielleicht nicht bekommen hat: Halt, Zeit und das Gefühl, mit dem, was da ist, willkommen zu sein.
In meiner Arbeit in der Naturheilpraxis am See in Herrsching gehe ich dabei nicht gegen ein Muster an. Wir fragen gemeinsam, wann es entstanden ist, was damals gefehlt hat und was es gebraucht hätte. Dabei arbeite ich körperorientiert, denn das Nervensystem versteht selten Argumente, aber sehr gut Erfahrungen von Sicherheit.
Manchmal begegnen wir auch den Kindanteilen, die diese Strategien einmal für uns entwickelt haben.
Wenn Sie sich in diesem Text wiedererkannt haben, ist das kein Grund zur Sorge. Es ist ein Anfang: Wer sein Schutzprogramm bemerkt, steht schon ein Stück außerhalb davon.
Wenn Sie mögen, begleite ich Sie gerne ein Stück auf diesem Weg. Mehr dazu finden Sie hier.
Die Unterscheidung in Fight und Flight geht auf die Stressforschung des frühen 20. Jahrhunderts zurück. Freeze kam später dazu, als man beobachtete, dass Tiere und Menschen bei überwältigender Gefahr erstarren. „Fawn", also die Anpassung als Schutzstrategie, wurde vor allem durch den Traumatherapeuten Pete Walker bekannt. Alle vier Reaktionen werden vom autonomen Nervensystem gesteuert, und wir entscheiden sie nicht bewusst. Deshalb lassen sie sich mit Willenskraft oder reinem Nachdenken oft nicht wirklich verändern.
Ich verbinde das Wissen um Nährstoffe mit psychotherapeutischen Impulsen zu Themen wie
AD(H)S, Stressregulation und Bindung.
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