RAMONA WEGELE | BLOG
Heilpraktikerin für Psychotherapie
RAMONA WEGELE | BLOG
Heilpraktikerin für Psychotherapie
Lesezeit: ca. 4 Minuten
Wie oft halten wir etwas aus, nur um den "Frieden" zu wahren? In meiner Praxis sehe ich, wie viel Scham und Schuld vor allem Frauen für ihre Wut empfinden. Wie hoch der Preis dafür ist, wenn wir unsere gesunde Wut nicht fühlen habe ich von Gabor Maté gelernt. Die Folgen reichen von psychischen Beschwerden bis hin zu körperlichen Erkrankungen...
Wie oft halten wir etwas aus, das uns nicht guttut? Nur um höflich zu bleiben. Um keine Reibung zu erzeugen. Um den "Frieden" zu wahren.
Der Kollege, der uns ständig unterbricht. Die Freundin, die sich Geld leiht und es vergisst. Die Bemerkung, die wir mit einem Lächeln überspielen. Was passiert dabei in uns?
Gesunde Wut sagt: „Das ist mein Raum. Bis hierher und nicht weiter.“
Sie ist nicht zerstörerisch. Sobald die Grenze geschützt ist, hat sie ihre Aufgabe erfüllt und kommt zur Ruhe. Auch Tiere kennen das: Ein kurzes Drohsignal genügt oft, und der Konflikt endet, bevor er beginnt.
Unser emotionales System entscheidet was wir hereinlassen (Nähe, Zärtlichkeit, Unterstützung) und was draußen bleibt (Übergriffe, Manipulation, Überforderung).
Unser Immunsystem hat dieselbe Aufgabe: erkennen, was zu uns gehört und was nicht. Gutes hereinlassen, Gefährliches draußen halten. Ich glaube, dass das kein Zufall ist. Wer seine gesunde Wut ein Leben lang unterdrückt, schwächt auch sein Immunsystem.
Denn Wut verschwindet nicht, wenn wir sie wegdrücken. Sie richtet sich gegen uns selbst: als Selbstkritik, als Härte, als innerer Krieg. Und genau das scheint sich im Körper zu spiegeln.
Viele von uns haben früh gelernt: Ich bin für die Gefühle anderer verantwortlich. Ich darf niemanden enttäuschen. Pflicht kommt vor meinen Bedürfnissen. Frauen trifft das besonders oft.
Was sich auf der psychischen Ebene zeigt, scheint sich auf der körperlichen Ebene in Autoimmunerkrankungen zu spiegeln: Das Immunsystem richtet sich gegen den eigenen Körper. Interessanterweise sind Frauen davon deutlich häufiger betroffen:
Rund 80 Prozent der Erkrankten sind weiblich. Ich glaube nicht, dass das Zufall ist. Frauen lernen früher und häufiger, ihre Wut herunterzuschlucken.
Mit alldem möchte ich keinesfalls eine neue Welle von Scham und Schuld auslösen. Wir haben uns nicht ausgesucht, in einer so gefühlsfeindlichen Welt sozialisiert zu werden und deshalb unsere gesunde Wut nicht zu fühlen und auszudrücken. Ich möchte uns vielmehr einladen, uns selbst und unsere Gefühle wieder ernst zu nehmen. Nichts an ihnen ist falsch.
Die körperlichen Sensationen, die wir als Gefühle wahrnehmen, möchten uns signalisieren: Was tut mir gut, und was schadet mir?
Dabei gilt: Wir müssen nicht alles glauben, was wir fühlen. Unser Nervensystem hält Vertrautes für sicher, auch wenn es das nicht ist. Es verwechselt das, was wir aus der Kindheit kennen, mit Sicherheit oder sogar mit Liebe, obwohl es nur ein vertrautes und möglicherweise ungesundes Muster aus unserer Biografie abbildet.
Das Gefühl ist echt. Ob es uns wirklich vor etwas Gegenwärtigem schützt oder an Altes erinnert, dürfen wir herausfinden. Und wir dürfen ihm eigenverantwortlich Raum geben und es liebevoll anerkennen. Auch wenn es nicht richtig liegt, hat es eine gute Absicht: Es will uns schützen und unsere Sicherheit gewährleisten. Es muss weder bekämpft noch weggedrückt werden.
Gesunde Wut zu spüren bedeutet nicht, sie immer auszusprechen. Nicht jedes Gegenüber verträgt Klarheit. Manche Menschen reagieren mit Abwertung, Angriff oder Eskalation und der Preis dafür kann hoch sein.
Wir dürfen abwägen: Was kostet uns die Konfrontation? Was erhoffe ich mir? Ist das realistisch? Wen betrifft das noch? Ist ein Kind im Feld, dessen Schutz Vorrang hat und das durch mögliche Eskalation gefährdet sein könnte? Kann ich die Wut erst einmal für mich bewegen und zu einem späteren Zeitpunkt in Kontakt bringen?
Entscheidend ist der Unterschied: Wir können eine Grenze setzen während wir die Wut bewusst nicht aussprechen und sie trotzdem fühlen und anerkennen. Das ist Selbstschutz. Problematisch wird es, wenn wir die Wut selbst verleugnen und uns einreden, wir hätten kein Recht auf sie.
Unser Gegenüber kann ein Gefühl in uns auslösen. Die Verantwortung dafür liegt trotzdem bei uns. Das heißt auch: Wir müssen nicht die volle Wucht unserer Wut in den Kontakt bringen. Eine klare Grenze reicht.
Das ist besonders wichtig, wenn wir lange Wut unterdrückt haben. Dann ist die aktuelle Situation oft nur der Auslöser. Die Wucht der Wut speist sich zusätzlich aus allem, was wir in der Vergangenheit hinuntergeschluckt haben. Diese aufgestaute Wut gehört nicht ins Gespräch, sie braucht einen eigenen Weg.
Es gibt viele Möglichkeiten, Wut zu entladen, ohne zu zerstören. Ich nenne sie gerne Emotion-Release-Skills. Dazu bald mehr. Über neue Artikel informiere ich über den Newsletter - ich freue mich, wenn Sie mehr erfahren möchten. Gesunde Wege, unseren Gefühlen Raum zu geben, sind auch ein wichtiger Bestandteil meiner Begleitungen.
Wut ist niemals ein Makel. Sie ist das innere „Nein“, das für uns einsteht. Wir dürfen sie immer spüren und ihr einen sicheren Ausdruck geben. Und wir dürfen weise entscheiden, ob, wann und wie wir sie in Kontakt bringen. Die Verantwortung für unsere Gefühle liegt bei uns, auch wenn andere sie auslösen.
ps.: Dass chronischer Stress und unterdrückte Emotionen das Immunsystem beeinflussen, ist gut belegt. Autoimmunerkrankungen entstehen aus einem Zusammenspiel von Genetik, Umwelt und Stress. Wie groß der Anteil unterdrückter Gefühle ist, lässt sich nicht exakt beziffern.
Ich verbinde das Wissen um Nährstoffe mit psychotherapeutischen Impulsen zu Themen wie
AD(H)S, Stressregulation und Bindung.
Für die Gesundheit Ihres Nervensystems, die durch liebevolles Verständnis wächst.
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